Analyse der Estampien aus „Chansonnier du Roi“ (ca. 1260) und Kompositionsrichtlinien für Stilkopien

von Hilbricht, Nils | 2022-01-20

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung und Motivation

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La Septime Estampie Real (Anfang)

Die sieben vollständigen Estampien aus „Chansonnier du Roi“ (ca. 1260) sind schöne instrumentale Musikstücke des Mittelalters. Es handelt sich um einstimmige Kunstmusik und es wäre schön, wenn es mehr von dieser Art gäbe. Deswegen möchte ich selbst welche schreiben, sogenannte Stilkopien. Diese gehorchen den (impliziten) Regeln der Originale, die man dafür erst mal analysieren und herausarbeiten muss.

Dieser Artikel setzt sich im speziellen mit Stilkopien der besagten Estampien auseinander. Er reicht nicht allein als Anleitung aus, um als moderner Musiker erste Erfahrungen mit (der Komposition) mittelalterlicher Musik zu machen. Die Zielgruppe sind Musiker, die schon über langjährige Erfahrung mit Musik zwischen 900 und 1430 verfügen und dementsprechend über allgemeines Wissen verfügen, das hier nicht vermittelt wird. Zum Beispiel werden Regeln und Tradition der einstimmigen Melodiebildung so gut wie gar nicht beschrieben, da allgemeingültig für diese Zeit (ca. 1260) und Region.

Die Quelle für dieses Kompositionswissen sind die überlieferten Stücke, in ihrer Notenform, selbst. Mittelalterliche Theorietexte über Estampien können mit einbezogen werden, aber nur wenn sie der tatsächlichen Musik nicht widersprechen. Ähnliches gilt für moderne Texte über Estampien: Sie können als Quelle für, und „Abkürzung“ zu, Analyseergebnissen dienen. Schließlich kann ich nicht alles alleine herausfinden.

Also: Die Grundlage der neuen Stücke ist in erster Linie die Analyse der alten. Widersprechen alte oder neue Texte der Musik dann hat die Musik recht.

Noch eine persönliche Anmerkung: Dieser Artikel sollte nicht als wissenschaftliche „Wahrheit“ begriffen werden. Andererseits sehe ich aber niemand anders, der ähnlich gründlich und tiefgehend etwas zu dem Thema veröffentlicht hat. Ich würde mich freuen widerlegt zu werden.

Meine Hauptmotivation ist es Estampien zu komponieren, dafür habe ich nicht alle verfügbare heutige Sekundärliteratur bis ins Detail studiert. Schon gar nicht habe ich mittelalterliche Traktate im Original gelesen und selbst übersetzt. Es ist durchaus möglich, dass ich mich irre, besonders nach meinen ersten drei Estampien überhaupt, mit denen dieser Artikel geschrieben wurde. Ich halte es für sehr schwierig meine eigene Musikerfahrung und Vorstellungen aus der Musik herauszuhalten, selbst wenn ich mir Mühe gegeben habe. D.h. es mag, entgegen meiner Intention, die ein oder andere musikalische Phrase vorkommen, die nicht ins Jahr 1260 passt.

Aufführung von Einstimmiger Musik

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La Quinte Estampie Real (Anfang)

Die Estampien aus „Chansonnier du Roi“ sind einstimmige Musik.

Die ständige Frage bei Aufführungen einstimmiger Musik ist es, wie es um Grundtöne, Bezugstöne, Borduntöne, „Akkordtöne“ usw. steht. Gibt es diese überhaupt, welche Rolle spielen sie, wie oft wechseln sie. In diesem Artikel werden die Begriffe „Grundton“ und „Bezugston“ benutzt, ergänzt durch „Finalis“. Im Prinzip meinen beide das gleiche, jedoch wird Grundton eher für das ganze Stück benutzt während Bezugstöne im Stück, höchstens ein- oder zweimal pro Estampie-Strophe, wechseln können. „Finalis“ bezeichnet den Grundton der angenommen Skala und den letzten Ton des Stückes. Wenn man einen Ton zur Finalis erklärt behauptet man damit den übergreifenden Grundton des gesamten Stückes. Darüber kann man selbstverständlich streiten, besonders in den Originalen. In meinen drei neuen Estampien ist es etwas einfacher, und die Finalis steht sogar über dem Stück.

Kommt es zur Aufführungen oder Aufnahmen, egal ob historisch informierte Aufführungspraxis, LARP oder irgendwo dazwischen, muss man sich für Begleittöne entscheiden. Für diese muss man die Grund- und Bezugstöne kennen. Versucht man die Stücke, sowohl meine neuen als auch die der originalen Sammlung, als Bordunmusik zu spielen wird dies über weite Strecken gut klingen. Die „Septime“ Estampie und meine Nummer 2 eignen sich hervorragend für einen nicht-wechselnden Bordun. Bei den anderen Stücken merkt man schnell, dass die Melodietöne sich aber im Laufe des Stückes auf wechselnde Töne beziehen. Das geschieht manchmal einmal pro Strophe, manchmal wird der öffnende Refrain dazu benutzt den Bezugston zu wechseln. Spielt man im Ensemble mit echten Borduninstrumenten wie Drehleiern oder Sackpfeifen muss man eine künstlerische Entscheidung treffen wie mit dieser Situation umzugehen ist: der eingebaute Instrumentenbordun wird an manchen Stellen falsch sein. Oder man reduziert die Besetzung soweit, dass man wirklich nur die Melodie spielt. Welcher Weg davon der „richtige“ ist kann an dieser Stelle nicht erörtert werden.


Analyse Chansonnier du Roi

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La Seconde Estampie Royal (Anfang)

Literatur: Die Analyse fand auf Grundlage der Übertragung Timothy McGees in der Ausgabe „Medieval Instrumental Dances“ (Indiana University Press, 1990) statt. Als Vergleich diente „Une Estampie Si Jolie Dance Music of the 13th Century“ von Paul Leigh and Gill Page, „Trouvere Medieval Minstrels“ (Eigenverlag, 2017).

Sekundärliteratur: „Die Estampie“ von Christiane Schima (Uitgegeven bij Thesis Publishers/Rozenberg Publishers Amsterdam, 1995) Das Buch ist ein umfangreiches Überblickwerk über alles was mit „Estampie“ zu tun hat. Daher geht es nur anhand zweier Beispieluntersuchungen (S.50ff) analytisch auf unsere Sammlung ein. Interessant dabei, dass die Autorin die beiden Estampiegruppen (s.u.) zwei unterschiedlichen Schreibern zuordnen kann.

Begriffe und Sprache: Da es sich bei dieser Analyse und Artikel um eine systematisch- musiktheoretische Arbeit für den modernen Leser handelt werden Begriffe und Konzepte aus unserer Zeit benutzt. Moderne musiktheoretische Terminologie ist schon für sich zu ambivalent um noch mittelalterliche Begriffe mit einzubeziehen. (Wer die meisten Bedeutungen für „Modus“ findet gewinnt.)

Bei den „royal/real Estampies“ handelt es sich um sieben vollständige Stücke. Die „Prime“ ist stark unvollständig und wird hier wenig beachtet. Die originalen sieben Estampien sind deutlich stilistisch miteinander verwandt und es lassen sich Kompositionsregeln ableiten, die für alle gemeinsam gelten. Es ist aber auch deutlich, dass es grob zwei Gruppen gibt. La Seconde, Tierche und Quarte Estampie Royal sind länger, unregelmäßiger in ihrer Form (z.B. Takte pro Teil), melodisch gewagter und strikter einstimmig, d.h. Bezugstöne sind schwierig feststellbar und wechseln häufig. La quinte, seste, septime und uitime Estampie Real sind tendenziell kürzer, regelmäßiger, klarer Bezugstönen zuzuordnen (bis hin zu borduntauglichkeit) und melodisch „gewöhnlicher“. Allerdings ist selbst das „gefälligste“ Stück, die „Septime“, immer noch mit genug Besonderheiten und kompositorischen Kniffen ausgestattet, dass es nicht in einen vokalen Gestus abgleitet und zu einem Stück unter vielen wird, wie eine Cantiga de Santa Maria unter hunderten gleichen.

Einzelanalysen und Notizen zu Besonderheiten

Die Analysen der Originale standen am Anfang meiner Arbeit, von daher findet sich in ihnen vieles wieder, was weiter unten in der „Anleitung zur eigenen Estampie“ erwähnt wird. Das heißt aber nicht, dass hier mit dem Lesen begonnen werden muss. Vielmehr kann man diese Notizen ganz ans Ende schieben.

Man möge mir verzeihen, dass es sich teilweise um Kurzschrift und Stichpunkte handelt. Eine musikalische Analyse besteht eigentlich hauptsächlich aus Eintragungen in tatsächliche Noten, und nicht aus Fließtext. Für diesen Artikel stehen diese Eintragungen leider nicht zur Verfügung, nicht zuletzt weil ich diese in Notation eingetragen habe, die urheberrechtlich geschützt ist, ich also hier nicht abdrucken kann.

Ich hoffe, dass dennoch einige Erkenntnisse aus meinen Aufzeichnungen gewonnen werden können.

Um den Analyse-Notizen nicht zu viel Gewicht zu geben, und um die Lesbarkeit dieses Artikels zu erhöhen, wurden sie ans Ende verschoben. So geht es z.B. in den Analysen sehr ausführlich um Bezugstöne, obwohl das für die Estampien selbst und deren Neukomposition nur eine untergeordnete Rolle spielt; ich habe lediglich relativ ausführlich dazu notiert.


Kompositionsrichtlinien

Wie schreibe ich neue Estampien?

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La Quinte Estampie Real (Anfang)

Hier folgen, zunächst im Überblick und abstrakt, dann immer detaillierter und spezifisch, erst Gedanken, dann direkte Anweisungen, wie man selbst eine mittelalterliche Instrumental-Estampie im Stile „Chansonnier du Roi“ schreibt.

Für die eigene Notation muss man sich entscheiden, ob man mittelalterliche oder moderne Begriffe benutzt. Punctum oder Puncta für die immer neuen Teile, Apertum und Clausum für die wiederkehrenden öffnenden und schließenden (so benennt Johannes de Grocheo). Oder Strophen und öffnender und schließender Refrain? Letztere sind direkt verständlich, allerdings auch Begriffe aus Vokalmusik, oder sogar aus der Popmusik. Mittelalterliche Begriffe passen besser zum Anspruch, sind aber heutzutage selbst für Experten mittelalterlicher Musik Fremdwörter und können einen elitär-überheblichen Eindruck erwecken. In meinem Fall gebe ich den Puncta/Strophen neutrale Großbuchstaben und benutze Apertum/Clausum für den Refrain.

Man muss sich entscheiden ob man eine „Gesamt-Estampie“ schreiben möchte, oder ein Einzelstück kopiert. Wie wir gesehen haben, sind unsere sieben Originale zwar stilistisch miteinander verwandt, aber nicht homogen. Eine „Gesamt-Estampie“ würde alle Erkenntnisse zusammenfassen, sich ans Ende dieser Tradition setzen und alles zulassen, was irgendwo in der Sammlung vorkommt. Eine Anlehnung an ein Einzelstück würde so tun, als ob man vor dem Anlegen der Sammlung komponiert hätte und nicht die Übersicht über alle sieben hätte und sich mehr an einer konkreten Estampie orientieren.

Der Bauplan: Allgemeines Vorgehen

  1. Die Form der Stücke ist immer gleich: Strophe, öffnender Refrain, wörtliche Wiederholung Strophe, schließender Refrain. Dann folgen verschiedene Strophen, aber immer das selbe Refrain-paar.

  2. Grundsatzentscheidung:

    • Lange, komplexe Estampie mit sechs oder sieben Strophen.
    • Kurze, „einfache“ Estampie mit ca. vier Strophen?
    • Mischtyp, der zwar nicht direkt in der Sammlung vorkommt aber keinesfalls anachronistisch ist, sofern nur Stilmittel aus der Sammlung benutzt werden. Soll heißen: Man darf auch eine Art „Septime“ schreiben, regelmäßige 4T+4T Phrase, die aber mehr Strophen hat und sich ab und zu vom statischen Bezugston entfernt.
  3. Sich entscheiden ob man die strikte Rhythmusvarianz (s.u.) macht oder nicht. Das ist typisch für die Royal/Real Estampien und ich empfehle es.

  4. Zuerst Strophe 1 und beide Refrains am Stück komponieren.

    • Um es noch einmal explizit zu sagen: Der erste Refrain „öffnet“, der zweite „schließt“.
    • „Schließen“ heißt auf dem Grundton bzw. Bezugston zu enden. Ein schließendes Ende auf der fünften Stufe ist in einstimmiger Musik nicht möglich. Eine Kadenz leitet zu diesem Schlusston hin, meist durch einen Tonschritt von oben oder unten. Kadenz werden abgeschrieben und nicht selbst erfunden.
    • „Öffnen“ heißt es auf einer Dissonanz, also nicht auf dem Grundton zu enden. Das schließt die dritte Stufe, die Terz, mit ein.
    • Ambivalenz kann manchmal reizvoll sein: Im Laufe der Strophe, oder des Refrain, kann sich der Bezugston ändern, teilweise auch überraschend erst in der Kadenz. Keinesfalls in „Akkorden“ denken und den Bezugston alle ein oder zwei Takte wechseln.
  5. Viel Mühe mit dem Refrain geben! Diesen hört man am häufigsten im Stück. Der Refrain kann eine eigene kleine Melodie für sich sein.

  6. Dann die Eigenschaften der Strophen planen:

  7. Was soll jede Strophe ausmachen?

    • Wie verschieben und verändern sich der Tonraum und Bezugstöne von Strophe zu Strophe
    • Wie stehen die Strophen zueinander im Kontrast, was verbindet sie? Was ist besonders, was ist gewöhnlich.
  8. Jetzt die Strophen nach dem eigenen Bauplan und den Stilmerkmalen unten komponieren.

    • Keine Estampie geht direkt in die „Vollen“: Je länger das Stück andauert, desto extravaganter darf es werden. Sprünge, rhythmische Dichte, ein offensichtlicher Grundgedanke pro Strophe (wie deutlich hörbare Zweitaktgruppen) etc.
    • Am Ende kommt dann evtl. noch eine gewöhnliche Strophe, die alles wieder beruhigt, abrundet und abschließt. Wenn nicht werden die Ensembles in der Interpretation einfach noch einmal die erste Strophe spielen :)
    • Bei Besonderheiten und Extravaganzen muss man sich immer fragen: Wie oft kommt so etwas in den Originalen vor? Wie viele Estampien müsste ich schreiben, damit ich das einmal machen darf?

Ideen und Regeln für Stilkopien

Mit dem Versuch zu systematisieren, aber leider als lose Auflistung herauskommend, hier Richtlinien und Ideen um eine eigene Estampie zu schreiben. Die Liste ist lose sortiert; vom Rhythmus über Metrum und Form zu Tönen und tonalem, und schließt mit Kadenzen ab.

Diese Liste wird nur dann verständlich, wenn man sich selbst mit der Originalsammlung beschäftigt, diese also zumindest selbst von Noten spielt und ab und zu innehält um hier Präsentiertes selbst nachzuvollziehen. Man sollte jetzt die Noten zur Hand haben um die häufigen Beispiele und Referenzen direkt nach gucken zu können.

Einige musikalische Sachverhalte erschienen mir als Autor vielleicht so selbstverständlich, dass ich sie nicht aufgeschrieben habe. Ich hoffe diese nach entsprechenden Rückmeldungen auch aufzuschreiben. Andere Merkmale habe ich vielleicht nicht gesehen und kann nur hoffen, diese in späteren Versionen dieses Artikels nachzutragen.

Zusätzlich zu dieser Liste muss auch die schriftliche Einzelanalyse, und schließlich die eigene Untersuchung der Originale, erfolgen. Gerade die Eigenschaften, die nur eine einzige Estampie hat (z.B. die systematische Erhöhung des Tonraumes in „Quinte“) geben Anhaltspunkte dafür wie viel Individualität für den historischen Rahmen einer Stilkopie erlaubt ist. Man muss sich hier je nach Einzelfall fragen: Wie „extrem“ ist diese musikalische Erscheinung. Ist die Idee, die ich komponieren möchte in ihrer Außergewöhnlichkeit vergleichbar mit diesen Einzelerscheinungen der Originale oder lehne ich mich zu weit aus dem Fenster?

Damit verlassen wir den Rahmen des „Chansonnier du Roi“ und müssen immer weitere Kreise als Quellen heranziehen, und leider auch immer spekulativer werden. Zuerst sind weitere Stücke der selben Sammlung (etwa „Dansse Real“) zu betrachten, dann weitere Stücke aus der selben Zeit und Region, dann Stücke aus deren Vergangenheit und immer weiter entfernteren europäischen Regionen. Schließlich der Bereich der Spekulation: Stück aus Sammlungen, die in der nahen relativen Zukunft lagen (z.B. 1280), da wir die teilweise jahrzehntelangen Verzögerungen zur Aufnahme in Sammlungen mit einbeziehen müssen. Ein Stück einer jüngeren Sammlung könnte durchaus schon früher geschrieben worden sein und damit vor oder zeitgleich mit unseren Estampien liegen. Weiter in der relativen Zukunft wird es dann sicher anachronistisch: Man kann sich natürlich fragen wie eine Estampie Oswald von Wolkensteins (1377-1445) geklungen hätte, aber damit hat dieser Artikel nichts mehr zu tun.

Rhythmus

Metrum und Form

Tonalität, Tonvorrat, Skala und „Tonarten“

Kadenzen

Auszüge der Estampie-Kadenzen

Alle Kadenzen hier zum Grundton D. Alle Kadenzen können verschoben werden, um auf anderen Schlusstönen zu enden.

Kadenzen auf dem Grundton sind schließend. Kadenzen auf der Terz sind halboffen. Kadenzen auf der Quinte sind öffnend. Alle anderen Zieltöne sind dissonant und damit auch öffnend.

X:1 M:3/4 K:C L:1/4 E3 | D3 |] \ E D/2[C/2] D | D3 |] \ D/2[E/2] F E | D2 z |] F/2[E/2] D E | D3 |] \ E/2[D/2] E F | D2 z |] \ E F E | D2 z |] D/2[C/2] D E | F2 z |] \ G F E/2[D/2] | F2 z |] \ F/2[E/2] D2| D3 |] D E2 | F3 | F3 |] \ D C2 | D3 | D3 |] F/2[E/2] F G | F3 |] \ e d/2[c/2] B/2[c/2] | d3 | d3 |]

Kommentare zu meinen drei neuen Estampien

Dieser Kommentar soll Einblick in den Kompositionsprozess geben. Insbesondere für Estampie #3 habe ich viele Planungsgedanken aufgeschrieben, die evtl. als Anregung für eigene Estampien dienen können.

Alle drei neuen Estampien sind tendenziell stärker als die Originalsammlung an einen statischen Grundton gebunden. Der sehr typische mittelalterliche Wechsel des Bezugston (aus heutiger Sicht) um eine Terz, etwa Dorisch/Lydisch, findet statt, aber nicht viel darüber hinaus.

Estampie Nummer Eins

Die erste Estampie (2021-10-20) widmet sich Tonwiederholungen, und wie diese ausformuliert werden können. Im Vergleich zu den originalen werden hier zu viele Tonschritte benutzt. Es ist noch nicht stilbrechend, aber immerhin auffällig genug, dass dies als „TODO“ für Estampie #2 eingeplant wurde. Am Ende ist mir aufgefallen, dass ein Takt-Rhythmusmuster (Viertel-Halbe) sowohl in der ersten Strophe als auch im öffnenden Refrain vorkommen. Nach viel herumprobieren habe ich mich dazu entscheiden, es beizubehalten, weil es einfach besser klingt. Das alte europäische Kompositionsprinzip: Klanglichkeit schlägt Regeltreue. Der Tonhöhenverlauf ist in allen Strophen ein Bogen von tief nach hoch und zurück. Es entsteht ein Wellenverlauf über alle Strophen hinweg. Bögen und Wellen kommen in den originalen Estampien oft vor, allerdings nicht in dieser Ausschließlichkeit. Die Schlusstöne der Strophen sind immer unterschiedlich. In dieser extremen Form kommt das in den Originalen nicht vor, aber auch dort ist eine Tendenz zu beobachten unterschiedliche Schlusstöne pro Strophe zu haben. (Siehe auch Analyse zur „Quarte“)

Insgesamt habe ich hier zu viel „nach Gefühl“ geschrieben. Keine solide Leistung.

Estampie Nummer Zwei

Die zweite Estampie (2021-10-31) sollte den Wechsel zwischen Auftakten und Volltakten benutzen, auch weil ich das im ersten Stück nicht gemacht habe. Das bedeutet, dass die Stücke miteinander verbunden sind und eine Sammlung darstellen, wie auch bei der originalen Sammlung darauf geachtet wurde, dass die Stücke unterschiedlich sind. Des weiteren geht es hier um die tonale Schwebe zwischen Lydisch und Dorisch. Vom Gesamteindruck orientiert sie sich an der „Septime“, regelmäßig, kurz, aber immer noch kein Gebrauchstanz, daher Form der Strophen: 4 Takte, 8T, 6T, 6T, Refrains je 4T.

Estampie Nummer Drei

Die dritte Estampie (2021-11-13) besteht, mehr als die anderen, aus Floskeln und Zitate der mittelalterlichen Stücke. Ein Kerngedanke waren dabei die häufigen Kadenz-Interpunktionen und Betonungen der Finalis, besonders gut zu sehen in der „Tierche“. Auch die Form orientiert sich an „Tierche“: Der Refrain sollte ein eigenes, kleines Mini-Stück werden, die Strophen je um die 8 Takte. Die rhythmische Varianz ist nicht so ausgeprägt wie in den anderen beiden Stilkopien. Tonal konzipiert wurde das Stück in F mit b als Generalvorzeichen (wie in „Uitime“). Das es' als obere Wechselnote wurde hier auch benutzt, vorsichtig in dem Maße wie es auch in den originalen verwendet wurde. Der Tonumfang hingegen wurde voll ausgeschöpft; nicht anachronistisch aber durchaus außergewöhnlich. Direkte Zitate und Floskeln sind z.B. Takt 7 (aus „Septime“) oder dessen Variation in Takt 29 (aus „Uitime“). Kadenzen und Binnenkadenzen sind meistens Zitate.

Die Anlage der Strophen geschah hier mit großer Absicht. Alle Tonangaben beziehen sich auf den Grundton F.

Anhang: Notizen zu den Analysen

Hier sind die Notizen, die ich beim Lesen und Spielen angefertigt habe. Das stand am Beginn dieses Aufsatzes und ist unsortiert, ohne Einteilung in wichtig/unwichtig und generell als Rohschrift zu verstehen.

Siehe Kapitel „Einzelanalysen und Notizen zu Besonderheiten“

Notizen: La Prime Estampie Royal

McGee S.57

Unvollständig. Wird höchstens zur Ergänzung analysiert und herangezogen. Hat nur zwei Strophe und zwei Takte vom ersten Refrain. Anfang der zweiten Strophe hat einen „falschen Auftakt“. Drei mal Ton-WH und dann los. Das ist wie ein Anlauf. Aber dann ist hinten ein Takt zu viel dran. Ich gehe nicht von einem Übertragungsfehler aus. Die beiden Strophe sind rhythmisch nicht sehr komplex. Hauptsächlich Halbe-Viertel. Tonart G Mixolydisch.

Notizen: La Seconde Estampie Royal

McGee S. 58 + 59

Notizen: La Tierche Estampie Royal

McGee S. 60 + 61

Notizen: La Quarte Estampie Royal

McGee S. 62 + 63

Notizen: La Quinte Estampie Real

McGee S. 64

Warum heißt das jetzt Real und nicht mehr Royal? Neuer Schreiber? Anderer Zeitraum?

Vier kurze Strophen. Mit Auftakt in der ersten Strophe. Zweiter Refrain endet voll, Strophe 2 fängt voll an.

Erste Strophe rhythmisch variierend.

Zweite Strophe ist der Gegensatz dazu. Sie benutzt den starken Takt Halbe-Viertel mehrfach, auch direkt hintereinander. Man könnte am Anfang, bis zum zweiten Ref, fast denken das Stück wäre in C. Aber es muss in A sein, sonst passt die Finalis nicht. In A gibt es einige Spannungen, aber man kann alle Strophen durchhalten.

Das ist die erste Estampie der Sammlung, die sich nach Bordun anfühlt. Inkl. dem „folkloristischen“ Wechsel zwischen A als Grundton und G als Ganztonschritt da drunter im Wechsel. z.B. am Anfang Strophe 3, wird nach G gewechselt um einen Kontrastteil zu haben.

In Strophe 3 ist ein Quartsprung nach oben e' a'. Das passt zur Beobachtung der anderen Estampien, dass Sprünge immer im Bezug zum Bezugston sind.

Die ersten beiden Strophen sind klare 4+4 Tanztakte. In Strophe 3 fehlt dann plötzlich hinten ein Takt 4T+3T und in Strophe 4 ist es dan nur noch 3T+3T. Es wird also reduziert. Die natürliche Fortführung wäre, dass dann 2T+2T in der nächsten Strophe käme (und nicht erst 3T+2T, denn alles beschleunigt sich in der Musik, auch die Reduzierung selbst). Statt 1T+1T (weil durchschaubar) käme dann am Ende zur Abrunden ein 4T+4T, wie in Estampie 2: Am Ende was normales.

Die Strophen werden immer höher. Erst Quintraum, dann geht es hoch bis zum G aber nicht mehr so viel unten rum, nur einmal das A am Anfang zur Stabilisierung. Strophe 3 dann geht bis zum A hoch und bringt keine tiefen Töne mehr. Strophe 4 durchschreitet dann einmal den gesamten Raum. Der Refrain schließlich zieht es immer wieder nach unten zum Grundton, damit man die Referenz weiter im Kopf hat.

Notizen: La Quinte Estampie Real

McGee S. 65

Vier Strophen. Kürzeres Stück. Die Strophenlängen variieren in dieser Estampie am stärksten untereinander.

Auftakt mit Achtelpaar, das ist eine Ausnahme in der Sammlung. Zweiter Refrain hat nur 3 Takte. Eigentlich 2 mit Interpunktionswiederholung. Form: 1. Ref: 4T, 2. Ref: 3T Strophen: 4T, 6T, 8T (4+4), 9T

Die ganze Estampie schwebt zwischen F-Lydisch und D-Dorisch. Finalis ist D. In der ersten Strophe bleibt im unteren Tonraum C-F, so dass man oben auch nicht das b/h hören kann. In der letzten Strophe ist der Wechsel zwischen b/h das leitende Prinzip. Selbst deutlicher als in „Septime“, wo das nur einmal gemacht wird.

Auch hier wird das „Nur neue Rhythmustakte bringen“-Prinzip bis zur Mitte der 2. Strophe durchgehalten Auch hier wird „Strophen wandern allmählich im Tonraum nach oben“-Prinzip eingesetzt. Auch hier wird das Prinzip „Erstmal Rhythmus variieren, dann Töne hoch, dann Gimmicks“ eingesetzt. Eine Normalisierungsstrophe am Ende gibt es nicht, weil die Estampie so kurz ist. Aber die letzte Strophe ist auch noch „normal“ genug. Der Auftakt ist hier vorherrschend. Nur in Strophe 3 ist keiner.

Notizen: La Septime Estampie Real

McGee S. 66

Gesamteindruck und Auffälligkeiten: Kompakter, regelmäßiger, gefälliger. Besonderheiten sind nicht in Rhythmusvariationen oder unterschiedlich langen Strophen. Das fühlt sich alles mehr straightforward nach „Tanz“ an. Dieses Stück ist besonders, weil es nicht heraus sticht, außer durch seine Schönheit. Und die Schönheit entsteht durch Balance und abgerundete Ecken.

Nur 4 kurze Strophen, kurzer Refrain.

Besonderheiten sind Kleinigkeiten: Der Wechsel von B und H in einer Strophe. nur einmal eine Auftaktstrophe. Beides die dritte/vorletzte. Insofern ist das Estampienprinzip beibehalten, dass die vorletzte Strophe eine Gimmick-Strophe ist. Aber sehr zahm hier.

Notizen: La Uitime Estampie Real

McGee S. 67

Als Bestätigung eines seltenen Phänomens ist hier nochmal ein Quart-Wechselsprung am Anfang von Strophe 2.

Seltsames Detail: Was ist das für eine Kadenz im schließenden Refrain? Ist das ein Schreibfehler, da einen Ton zu hoch? Vergleich zu anderen Ausgaben und Aufnahmen:

Tonalität: F herrscht vor. Wenn man ein paar Dissonanzen auch auf Takt- und Strophen-Einsen aushält kann man das komplette Stück durchspielen. Auffallend ist, dass das hohe Es(!) ab und zu vorkommt. Wenn es in F bleibt wird hier in F-Mixolydisch gespielt. Die Alternative, nämlich den Grundton auf C zu wechseln, ist hier noch schlimmer. In C hätten wir dann plötzlich Dorisch. In Strophe 4 kann man aber gut nach C wechseln. Kann man aber auch sein lassen. Die Entscheidung kommt durch die Funktion des Tones Es: Es ist nämlich eine obere Wechselnote. Zwar nicht die höchste Note im Stück (oder im Tonsystem) aber lokal ist das ein Hochpunkt, nachdem beide male sofort umgebogen wird. Bei einer Stilkomposition kann man so was dann also einmal in 10 Stücken, oder so, machen.